SWB Mietermagazin 1|26

ZEITZEUGEN Im Mai 1952 ist Brigitte Zacharias 17 Jahre alt und tritt nach dem Abschluss auf der Kaufmännischen Handelsschule eine Stelle in der Mietenbuchhaltung bei der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft (MWB) an. Am Löschbogen liegt das provisorische MWB-Büro, das immer mal wieder Besuch bekommt: von den beiden Mitarbeitern der im Jahr zuvor gegründeten SWB, der kommunalen gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft. Das kleine Team erhält von den Kollegen Unterstützung beim Aufbau der neuen Gesellschaft. Denn bis 1966 arbeiten SWB und MWB in Personalunion: Die Geschäftsführer Ferdinand Lehnhoff und Kurt Hohendahl leiten zunächst beide Wohnungsbaugesellschaften – anfangs räumlich getrennt. „Die Mitarbeiter der SWB hatten ein Zimmer im Rathaus, aber keine Hilfsmittel. Wenn sie etwas zum Schreiben brauchten, kamen sie zu uns rüber“, erinnert sich die Rentnerin. Die Arbeit wird mehr, die SWB wächst personell, übernimmt einige MWB-Mitarbeiter und braucht mehr Platz. Im Herbst 1953 zieht man gemeinsam mit der MWB in eine neue Geschäftsstelle an der Adolfstraße 53 – allerdings in getrennte Räume. Und dort ließ ihr Chef sie zu sich rufen: „Kommen Sie doch mal mit.“ Brigitte Wothke, so ihr Mädchenname, folgte ihm nichts ahnend zur Theke, hinter der die SWB-Mitarbeiterin saß, die für die Mietenbuchhaltung zuständig war. „Arbeiten Sie bitte Frau Wothke ein, und dann können Sie gehen.“ Somit war klar: Brigitte Zacharias sollte die Mietenbuchhaltung der SWB übernehmen. „Ich bin da gar nicht gefragt worden“, schmunzelt sie. So seien die Zeiten damals gewesen. „Was der Chef sagte, wurde gemacht.“ Das Gehalt war nicht hoch: 120 Mark betrug ihr Monatsverdienst. Eine Fünf-Tage-Woche gab es noch nicht. Gearbeitet wurde von 7.30 bis 17 Uhr, dienstags und freitags eine Stunde länger, samstags von 7.30 bis 14 Uhr. Allerdings: „Mittwochs war um 14 Uhr Feierabend, das war der sogenannte Beamtennachmittag“, schmunzelt Brigitte Zacharias. Mehr als 20 Tage Urlaub gab es nicht. Mit der Hand hielt sie penibel alle Kontenbewegungen der Mietkonten nach, überprüfte die Einträge und musste Ende des Monats mit der Finanzbuchhaltung abstimmen, ob alles auf Heller und Pfennig stimmte. „Ich habe oft ohne Pause gearbeitet, sonst hätte ich das nicht für alle Wohnungen geschafft – damals umfasste der Bestand schon mehrere hundert Wohnungen“, erinnert sich die ehemalige Buchhalterin. Es war viel zu tun. In den ersten Jahren wurden die Wohnungen ausschließlich an Aussiedler aus dem Osten vergeben, die sonst keine Chance auf dem freien Wohnungsmarkt gehabt hätten. Auch die Schlüsselübergabe an die Mieter gehörte zu ihren Aufgaben. 1959 heiratete sie ihren Mann Horst und bekam drei Kinder. Einige Jahre blieb sie zu Hause – Erziehungsurlaub, so etwas gab es noch nicht. Brigitte Zacharias ist in dieser Zeit nicht nur Mitarbeiterin, sondern auch Mieterin bei der SWB. Schon mit ihren Eltern hat sie am Bottenbruch gewohnt. Nach der Heirat bekam die Familie die erste eigene Wohnung in der Ulan-Becker-Straße: zwei Zimmer mit Kochnische, aber immerhin ein separates Badezimmer mit gasbetriebenem Badeofen - für 43,50 Mark Kaltmiete im Monat. Die Wohnung wurde mit einem Kohleofen geheizt, den die Mieter selbst kaufen mussten. Die Kochecke hatte nur eine Spüle aus Stein. „Mein größter Wunsch für eine eigene Wohnung war eine Nirosta-Spüle, die haben wir dann gekauft.“ Als sich das dritte Kind ankündigte, ergatterte die kleine Familie eine Drei-Zimmer-Wohnung bei der SWB in der Neustadtstraße. Wieder einfach, wieder mit Kohleofen, den die Familie dann auf eigene Kosten gegen einen Ölofen austauschte. 1967 schließlich zogen sie in den SWB-Bestand am Bottenbruch in eine VierZimmer-Wohnung, mit inzwischen drei Kindern. In dieser Wohnung hatte Brigitte Zacharias erstmals eine Zentralheizung. 1967 begann Brigitte Zacharias wieder zu arbeiten, die SWB hatte angefragt. Inzwischen stand mit Horst van Emmerich ein neuer Chef an der Spitze der SWB, der 1966 die Geschäftsführung übernommen hatte. „Ich habe nie jemanden getroffen, der so viel gearbeitet hat“, erinnert sich die Seniorin. „Auch wenn er krank war, kam er. Dasselbe verlangte er aber auch von seinen Angestellten.“ Und er war immer sehr sparsam, erinnert sie sich. Es war nicht einfach, eine Gehaltserhöhung genehmigt zu bekommen. Im gleichen Jahr zog das SWB-Team in die Geschäftsstelle an der Wallstraße. Auch das sollte nur ein Übergang sein, denn bereits ein Jahr später, im Herbst 1968, konnte das erste eigene Verwaltungsgebäude der SWB am Dickswall 91 bezogen werden. Nach Tätigkeiten im Bereich Mieterhöhungen und in der Finanzbuchhaltung arbeitete Brigitte Zacharias wieder in der Mietenbuchhaltung. „Da war es auch wichtig, alle Bauabschnitte und die dazugehörigen Häuser auswendig zu können, sonst hätte ich meine Arbeit nicht geschafft.“ Ende der 70er Jahre hielten die ersten Computer Einzug in die Büros. Alle Belege und jeder monatliche Mieteingang wurden in die Tastatur getippt. Hatte jemand in der Wohnungsverwaltung vergessen, Informationen wie zum Beispiel einen Wohnungswechsel rechtzeitig weiterzugeben, waren die Berechnungen falsch. „Dann haben wir die ganzen Unterlagen auf dem Konferenztisch ausgebreitet und die Differenzen gesucht.“ Erstmals spürte das Unternehmen in den 80er Jahren Gegenwind: Der Leerstand wuchs, nun musste man offensiv vermarkten. In dieser Zeit stieß auch Brigittes Tochter Miriam zur SWB, die dem Unternehmen inzwischen als Abteilungsleiterin Betriebs- und Wohnungswirtschaft ebenfalls treu geblieben ist. Aber neben der Arbeit prägte auch Gemeinschaft die Mitarbeiter. Regelmäßig gab es Betriebsausflüge, zum Beispiel zum Hermannsdenkmal, und runde Dienstjubiläen wurden gebührend gefeiert. In den 1980er Jahren stand der nächste Ortswechsel an: Die Verwaltung zog in den Neubau an der Bahnstraße 29, einem geschichtsträchtigen Ort. Dort stand früher das Kino am Löwenhof. Doch weil der Platz selbst im neuen Haus nicht lange ausreichte, wurden einige Abteilungen schließlich in einem eigenen Gebäude an der Bachstraße untergebracht – so auch Brigitte Zacharias mit der Mietenbuchhaltung. Computer hielten Einzug Nicht nur die Örtlichkeiten, auch die Arbeitsweise änderte sich. Von der Schreibmaschine bis zum Computer: 1988 wurde eine neue EDV-Anlage installiert. Sie erleichterte die Mehrarbeit, die 1990 nach dem Wegfall der Gemeinnützigkeit für die Buchhaltung anfiel. 1996 ging die Buchhalterin in Rente. Mit den ehemaligen Kollegen hielt sie den Kontakt aufrecht, mit den letzten trifft sie sich noch heute. „Vorher haben wir uns immer gesiezt, aber als wir dann in Rente gegangen sind, haben wir uns geduzt“, schmunzelt sie. Seit vielen Jahren wohnt Brigitte Zacharias nun im eigenen Heim mit Garten – ein großer Wunsch von ihr. Gebaut wurde es auf einem Grundstück, das früher der SWB gehörte. So schließt sich der Kreis. Die Frau hinter den Mietkonten Brigitte Zacharias war als Mietenbuchhalterin Mitarbeiterin der ersten Stunde und SWB-Mieterin Brigitte Zacharias (links) mit einer Kollegin: Rechenmaschinen erleichterten die Arbeit, eingetragen werden musste alles per Hand. Zu ihrem 40. Dienstjubiläum gab es Blumen und Geschenke. Inzwischen sind die Computer aus den Büros nicht wegzudenken. Die damals siebenköpfige SWB-Belegschaft im einfach eingerichteten Büro in der Adolfstraße. Brigitte Zacharias im Büro am Löschbogen. Ausgebüxte Skorpione sorgten 1997 an der Haarzopfer Straße für Unruhe. Zitate und Besonderes aus 75 Jahren SWB „Die SWB ist mein liebstes Kind“. Zitat von Oberbürgermeister Heinrich Thöne, von 1951 bis 1969 SWB-Aufsichtsratsvorsitzender. Am Anfang herrschte das Provisorium: Im ersten Jahr ihrer Gründung bezog das kleine SWB-Team Räume im Rathaus, das Mobiliar musste zusammengeliehen werden. Mitarbeiterin Brigitte Zacharias schmunzelt über ihre Anfänge bei der SWB: „Ich erinnere mich, dass ich mal Schlüssel falsch rausgegeben habe. Aber ich habe nie mehr was davon gehört, die Mieter haben sie dann wohl selber getauscht.“ Zitat von Geschäftsführer Horst van Emmerich zu einer Mitarbeiterin: „Sie haben ja richtig niedliche Kinder. Müssen Sie denn arbeiten, verdient ihr Mann so wenig?“ Improvisation ist alles: Die Wassergeldabrechnungen der Mieter wurden in den Anfangsjahren von den Putzfrauen, die die SWB-Büroräume geputzt haben, an die Mieter verteilt. Am 14. Oktober 1997 entkamen im Hochhaus an der Haarzopfer Straße 3-5 mehr als 20 junge Dickschwanz-Skorpione aus einem Terrarium im zweiten Obergeschoss. Der Vorfall führte zu erheblicher Unruhe im Haus. Ein vom Ordnungsamt hinzugezogener Reptilienexperte fing die Tiere unter großem Medieninteresse wieder ein und der Mieter erhielt anschließend eine Abmahnung. Vom Praktikum zum Formel-1Journalisten: Ein SWB-Mieter schaffte über den Lokalsender Tele West 1990 den Einstieg in den Fernsehjournalismus. Aus ersten Reportagen wurden Aufträge für RTL. Es entwickelte sich innerhalb weniger Jahre eine Laufbahn, die ihn schließlich sogar zu einem Interview mit Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher führte.

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