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Nachbarschaft

Erinnern an Familie Lucas

Seit 1992 verlegt der Künstler Gun-

ter Demnig in Deutschland und vielen

anderen europäischen Ländern „Stol-

persteine“. Sie markieren die letzten

Wohnorte von Menschen jüdischen

Glaubens, bevor diese von den Natio-

nalsozialisten in Lager deportiert und

ermordet wurden. Mittlerweile erin-

nern über 60.000 solcher Steine an die

Schicksale europäischer Juden zur Zeit

des NS-Regimes. Jeder Stolperstein er-

zählt eine Geschichte. So wie der vor

dem Haus Bahnstraße 21 in Mülheim.

Wir wissen nicht, ob Max Lucas ein zu-

friedener Mann ist, als er am Morgen

des 18. Augusts im Altersheim Rosenau

in Essen-Werden aufwacht. Es ist sein

80. Geburtstag, und Max überschreitet

an diesem Tag die Lebenserwartung

seines Jahrgangs um fast 20 Jahre.

Seine Frau Betty, die mit ihm in der Ein-

richtung lebt, weiß er noch immer ge-

sund an seiner Seite. Der gemeinsame

Sohn arbeitet als Bankier in Brüssel.

Alles klingt nach einem erfüllten und

glücklichen Leben. Unter normalen Um-

ständen. Doch die Umstände sind nicht

mehr normal. Wir schreiben das Jahr

1938, und ein paar Wochen später bren-

nen in der Nacht auf den 10. November

über 1.400 Synagogen im gesamten

Deutschen Reich.

Als Max 1858 zur Welt kommt ...

... sind die Lucas' eine alteingesessene

Mülheimer Familie. Seit Generationen

verdienten die Männer ihr Geld als Metz-

ger und Viehhändler. Der älteste Spröss-

ling von Vater Joseph und Mutter Bertha

macht da keine Ausnahme. Mit seinen

jüngeren Brüdern Louis und Sigismund

wächst er in einer Stadt auf, die sich in

diesen Jahren zu einem florierenden

Stahlstandort mausert. Das Dröhnen,

Hämmern und Zischen der Zechen,

Walzwerke und Hochöfen wird zum Puls-

schlag einer ganzen Region, während

Bismarck aus „Blut und Eisen“ das neue

Kaiserreich schmiedet. Eine bewegte

Zeit, in der Max seine spätere Frau Bet-

tina kennenlernt, die von allen nur Bet-

ty genannt wird. Sie stammt aus dem

Städtchen Niedermendig in der Osteifel,

wo die beiden vermutlich auch heiraten.

Wohnhaft ist das Ehepaar zunächst auf

der Eppinghofer Straße 160 in Mülheim,

wo Max eine Metzgerei betreibt. Hier

kommt 1891 Sohn Ernst Jacob zur Welt,

ehe die junge Familie in den nächsten

Jahren mehrmals umzieht.

Zur Jahrhundertwende ...

... leben fast 95.000 Menschen in Mül-

heim, rd. 700 von ihnen sind jüdischen

Glaubens. Die mittlerweile kreisfreie

Stadt wächst, und auch die jüdische

Gemeinde wird größer, sodass sie den

Neubau einer Synagoge am Viktoria-

platz beschließt. Am 21. September fei-

ert Familie Lucas zusammen mit den

anderen Gästen die Grundsteinlegung.

In seiner Festrede mahnt Rabbiner Otto

Kaiser, dass „nie wieder die Flammen

Stolpersteine in der Bahnstraße verlegt

des Hasses emporzüngeln“. Seine Worte

wirken wie eine Prophezeiung, die im-

mer weniger Gehör findet. Auf den

Ersten Weltkrieg folgen die politischen

Turbulenzen der Weimarer Republik. Mit

der Machtergreifung der Nationalsozia-

listen im Januar 1933 ändert sich das

Leben für die jüdische Gemeinde der

Stadt rapide. Im Frühjahr beschließt die

neue Stadtverordnetenversammlung,

dass Dienststellen der Stadtverwaltung

Bedarfsprodukte nur noch bei ortsan-

sässigen Geschäften des deutschen

Mittelstands zu kaufen haben, „Waren-

häuser, Judenläden und Judenunter-

nehmungen“ sind ausgeschlossen.

Max' und Bettys Sohn Ernst Jacob

reagiert ...

...aufdiepolitischeSituation.Dermittler-

weile gelernte Bankkaufmann arbeitet

als selbstständiger Bankier mit Börsen-

zulassung. Diese wird ihm im April 1933

„aus Gründen der Rasse“ entzogen. An-

fang September flieht er nach Brüssel.

Zwischen 1940 und 1944 wird er sich in

Frankreich verstecken. Und überleben.

Seine Eltern bleiben in Deutschland, zie-

hen nach der Flucht des Sohnes in die

Schadowstraße nach Düsseldorf und

1934 weiter in das jüdische Altenheim

Rosenau, wo die beiden im August 1938

Max' 80. Geburtstag feiern. Als die Ein-

richtung drei Monate später aufgelöst

wird, ziehen sie zurück nach Mülheim.

Die Adresse: Bahnstraße 21. Es ist der

letzte Wohnsitz, den das Ehepaar frei

wählen kann.

Im Mai 1943 müssen sie wie viele Mül-

heimer Juden im sogenannten „Juden-

haus“ an der Löhstraße 53 Quartier

beziehen. Ein Monat später werden

Max und Betty, mittlerweile 84 und 79

Jahre alt, über Düsseldorf-Derendorf in

Viehtransportern nach Theresienstadt

deportiert. Max Lucas wird am 18. Okto-

ber 1942 ermordet. Betty überlebt noch

weitere drei Monate, bis SS-Leute auch

sie am 24. Januar 1943 umbringen.